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IFF Academy for Feldenkrais Practitioners

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Barbara Pieper (Deutsch)

Barbara
 Barbara Pieper ©

Ich will nicht Wissen vermitteln, sondern Prozesse gestalten

Gespräch mit Barbara Pieper

Von Uta Ruge

Bei einem Besuch in der Geschäftsstelle in München übernachte ich bei Barbara Pieper in Gräfelfing. Früh morgens fahren wir mit Fahrrädern zu ihrem etwa 10 Minuten entfernten Raum, in dem sie FI unterrichtet. Er liegt unter dem Dach eines der großzügigen Einfamilienhäuser dieser Gegend, die inmitten größerer und kleinerer Gärten stehen. In ihm ist gerade genug Platz für die Liege und den Gang drum herum, und auf freundliche, ganz unspektakuläre Weise wird jeder, der hier eintritt, gleich auf sich und seine eigenen Ressourcen konzentriert – und auf die Beziehung, in der und durch die das Lernen stattfinden kann. Auf dem Rückweg nebeneinander herradelnd beginnen wir, über Praxis und Klienten zu fachsimpeln. Und zurück in ihrem Haus, das auch Barbaras Arbeitszimmer voller Papiere und Bücher enthält, geht es nach einem kurzen Frühstück im Wohnzimmer gleich mit dem Tonband weiter.

Was war Deine persönliche und berufliche Situation, als du die Feldenkrais-Methode kennengelernt hast?

Das war 1980. Ich war damals in der Universität München halbtags in einem Forschungsprojekt im Bereich der Berufs- und Arbeitskräfteforschung tätig. Es ging um die Bedeutung der Familie für den Beruf. Diese beiden Bereiche wurden in den 70er Jahren noch getrennt voneinander untersucht. Unser Projekt interessierte sich demgegenüber dafür, wie sich Erwerbsbereich und Privatleben aufeinander beziehen. Alle drei Jahre wurde unsere Arbeit in einer mehrtägigen Sitzung von externen Fachleuten begutachtet. Davon hingen unsere Jobs ab. Und in dieser Zeit mussten wir Tag und Nacht arbeiten. Gleichzeitig hatte ich Kind und Haushalt. Und in so einer Zeit habe ich eine Art von Bandscheibenvorfall bkommen. Eine Bekannte empfahl mir einen Feldenkrais-Lehrer.

Wer war das?

Es war Ned Dwelle. Er und Roger Russell waren die einzigen Feldenkrais-Lehrer, die es hier gab. Da bin ich dann hingekrochen, im wahrsten Sinne des Wortes, und landete in einer WG in einem kleinen Zimmer – und fand das alles sehr merkwürdig. Aber es tat mir sehr gut, ich konnte besser nach Hause gehen.

Und das hast du dann eine Zeitlang gemacht?

Ich habe sehr viele Einzelstunden genommen und kam auf die Weise besser mit dem spannungsreichen Leben zwischen Universität und Familie, Freunden und vielen Gästen zurecht. Irgendwann hat Ned dann gesagt, ich müsste das jetzt selber lernen, er gibt mir keine Einzelstunden mehr. Stattdessen ließ er mich eine ATM-Lektion machen. Ich fand das unglaublich, dass ich das gleiche Geld bezahlen sollte, wo er nur sprach und gar nichts machte, und ich musste alles tun. An diese Lektion habe ich mich, als wir in den Ferien waren und mir wieder etwas wehtat, erinnert und das selber gemacht. Da wurde ich neugierig und sagte mir, das ist ja ganz etwas anderes... Danach bin ich also zu Gruppenkursen gegangen, ungefähr sechs Jahre lang.

Du warst immer noch Soziologin an der Universität?

Ja, ich hatte in den 16 Jahren drei verschiedene Jobs. Angefangen habe ich 1971 als Assistentin für Stadtsoziologie. Eigentlich wollte ich mal Architektin werden, und so kam ich auch als Soziologin zur Beschäftigung mit Menschen im Raum. Dann kam das erste Kind, ich war eine Zeitlang draußen. Dann wechselte ich als Wissenschaftliche Geschäftsführerin in den Forschungsbereich, bis ich merkte, ich habe da eine ähnliche Rolle wie zu Hause: die Hausfrau und Mutter für alle, überall einspringen und alles machen... Deshalb bin ich schließlich in eines der Projekte gegangen, weiterhin halbtags.

War es die Faszination der Feldenkrais-Methode, die dich dann in die Ausbildung getrieben hat?

Nein, ich war mit der Forschung nicht mehr zufrieden, weil da so ein Kontrast zu meinem Familienleben war. Inzwischen hatte ich zwei Kinder und die Lebendigkeit und Intensität in der Familie war mit der abstrakten Arbeit an der Universität immer im Konflikt.

Du wolltest vor allem aus dem, in dem du warst, heraus?

Ja. Ich wollte unbedingt etwas machen. Das Wissen, das da in der Universität angehäuft ist, hat mich zwar beeindruckt, aber ich wollte Wissen anwenden. Mich hat auch die Anwendung des Wissens nicht befriedigt. Ich wollte Zusammenhänge berücksichtigt sehen, die ich erforscht hatte und selber erlebte. Das konnte ich zum Beispiel machen in der von Wissenschaftlerinnen gegründeten Frauenakademie München (F.A.M.). Eine Zeitlang war ich auch noch ehrenamtlich im Vorstand einer Familienbildungsstätte tätig.

Das heißt, dieses Problem der Vermittlung von Erwerbsarbeit und Familie, das dich selber betraf, war dann auch dein Forschungsgegenstand?

Ja, denn mich hat immer interessiert, wie sich Theorie und Praxis gegenseitig beeinflussen und tragen. Und wie man das leben kann. Das alles war allerdings meistens ein bisschen viel... Feldenkrais gab mir erst einmal die Möglichkeit, mir selbst zu helfen. Was da alles noch dran hing, das habe ich erst im Laufe der Zeit verstanden.

Also erst einmal nur eine Art Selbsthilfemodell?

So kann man es nennen. Als Ned Dwelle mir 1983 vorschlug, die Ausbildung zu machen, fand ich das noch völlig absurd, obwohl ich schon damals auf der Suche nach etwas Neuem war. Ich bin dann 1986 ins Training München II von Gaby Yaron gegangen. Ich hatte mir zwar die Arbeit von Chava Shelhav angeschaut und war sehr angetan. Aber das ging wegen der Kinder nicht. Ich habe Gaby vorher gar nicht gekannt, sondern genommen, was vor der Haustür war.

Was war für dich der Ausgangspunkt, als du die Ausbildung machtest?

Mir schwebte vor, dass ich das erst einmal für mich mache, um besser mit diesen verschiedenen Erwartungen und Aufgaben zurecht zu kommen. Aber ich hatte auch von Anfang an vor, weiterhin in professioneller Weise zu arbeiten. Immerhin hatte ich mit Ned und Gaby Leute vor Augen, die von der Arbeit lebten und gleichzeitig für sich selber auch eine Entwicklung machten. Außerdem entsprach es dem Bild, das ich von mir hatte –selbstständig sein, arbeiten, eigenes Geld verdienen.

Gab es in der Ausbildung so etwas Ähnliches wie ein Schlüsselerlebnis für dich, durch das für dich klarer wurde: das will ich, das fordert mich auch intellektuell? Kam es mehr vom Leben her oder mehr von der Theorie?

Diese Unterscheidung, die du da jetzt aufstellst, die ist für mich in meinem Leben gar nicht da. Ich erlebe das immer in der Verschränkung, in mir drin, auch wenn ich es nach außen nicht immer sage. Die Ausbildung hat vom Theoretischen her anfangs überhaupt nichts angeboten. Gaby war eine Frau der Musik, der Intuition, und ich habe lange gebraucht zu verstehen, was sie wollte. Später allerdings habe ich sehr viel von ihr gelernt in ihren Advanced Trainings. Wenn ich nicht schon so viele Jahre ATM und FI gemacht hätte, wäre ich, glaube ich, im Training sehr verloren gewesen. Dann kam Myriam Pfeffer, und sie hat eine geistige oder spirituelle Ebene angesprochen, die mich sehr angezogen hat. Schließlich unterrichtete auch Yochanan Rywerant. Zunächst hatte ich auch hier wieder Mühe zu verstehen und habe erst in seinen Fortbildungen einordnen können, was er uns anbot – diese Systematik des Vorgehens, die im großen Kontrast zu Gaby stand –, ebenso wie seine wunderbare, sehr feine Ironie. Ein weiterer Lehrer in München II war Carl Ginsburg. Er hatte diesen ‚Sceleton-Approach’. Da begann es so langsam, dass ich merkte: Ich konnte, was ich früher gelernt hatte, verbinden mit dem, was ich jetzt erlebte. Anfangs war ich bereit gewesen, die Soziologie vollkommen aufzugeben.

Was war es an diesem Zugang zur Arbeit über das Skelett, das dich wieder an die Soziologie erinnert hat?

Die Soziologie beschäftigt sich ja mit Beziehungen zwischen dem Einzelnen und der Umwelt, in der er sich befindet. Sie beschäftigt sich mit Vorgängen des Lebens in der Gesellschaft, also mit dem, was man „Funktion" nennen könnte und wie unter sich immer wieder verfestigenden Bedingungen hieraus „Strukturen" entstehen, zum Beispiel bestimmte Verhaltensvorschriften, soziale Normen. Entsprechendes lässt sich auch beim Skelett finden. Das Skelett hat im Verlauf der Evolution über Gebrauch eine bestimmte Struktur erhalten. Die finden wir vor bei der Geburt. Dann gebrauchen wir unsere Knochen je nach Zweck und Absicht auf unsere Weise. Es wird zu unserem Skelett, zu unserer Skoliose oder was immer. Für mich besteht da gar keine Trennung zwischen Struktur und Funktion – vielmehr sind es verschiedene Zugänge in der Betrachtung des Gleichen. Das Subjekt, die handelnde Person, ist hierbei das Bindeglied.

We war das denn nun mit dem Schlüsselerlebnis?

Während der Zeit des Trainings haben meine Familie und ich in Südfrankreich eine Tropfsteinhöhle besucht, die Grotte de Clamouse. Da fährt man hinunter und sieht, wie durch ein einziges Prinzip, des Fallens eines Tropfens, die unterschiedlichsten Gebilde entstehen und sich andauernd wieder verändern. Das konnten Blumen sein oder ein Schlachtfeld wie im Krieg. (Ich bin 1945 geboren, das habe ich auch hineingedeutet.) Jedenfalls habe ich dann angefangen, naturwissenschaftliche Bücher zu lesen, mich damit zu beschäftigen, wie sich aus bestimmten Gestaltvorgängen Strukturen bilden und sich durch den Gebrauch wieder verändern. Das Gleiche sieht man auch am Meer, z.B. wie die Ebbe im Watt Abflusskanäle bildet, die dann aussehen wie ein Nervensystem oder ein Baum. Und die Welt plötzlich so zu sehen, das hat mich gepackt und mein Leben enorm bereichert. Es war so, dass das, was ich insgesamt in verschiedenen Bereichen erlebte, sich jetzt integrierte; denn es waren ja die gleichen Dinge, die gleichen Prozesse, nur aus verschiedenen Blickwinkeln gesehen. Das hat mich sehr entlastet – von der Arbeit, die es kostet, diese Bereiche zusammenzubringen.

Das heißt, es war dann keine Arbeit mehr, sondern du konntest das Prinzip als Gleiches erkennen?

Ich konnte das Prinzip als Gleiches erkennen, wie es lebendig ist. Es geht mir ja um das Lebendige. Und in diesem Lebendigen die gestaltenden, immer wieder auftauchenden und sich verändernden Möglichkeiten zu entdecken. Und darin dann auch tätig zu sein.

Gehen wir also zu diesem Tätigkeit-Sein. Wie hast du angefangen?

Angefangen habe ich, weil ich ja auch unbedingt wieder professionell arbeiten wollte, gleich nach dem zweiten Trainingsjahr, zusammen mit Eva Bleicher-Flohschütz in der hiesigen Volkshochschule mit einem ATM-Kurs. Das machen wir jetzt seit 1987. Da ich immer in Teams gearbeitet hatte, wollte ich die Anregungen, die das bietet, und auch die Herausforderung nicht missen. Die Suche nach anderen, mit denen ich mich in Praxis und Theorie austauschen kann, hat sich wie ein roter Faden durch mein Leben, auch mein „Feldenkrais-Leben" gezogen. Für meinen bisherigen Freundes- und Kollegenkreis war ich zu einer Exotin geworden.

Hat dich das auch erschreckt, dass die sich so gar nicht dafür interessierten?

Nein, damit musste ich rechnen. Gleichzeitig machte mich das traurig. Ich sagte z.B. den Kolleginnen aus der Frauenakademie, wir müssen uns mit Naturwissenschaften beschäftigen, mit der Leiblichkeit, ihrem Zusammenhang mit sozialem Verhalten... Aber sie sagten nur, lass uns doch damit in Ruhe. Ich hab nirgendwo andocken können mit diesen neuen Sichtweisen, die inzwischen üblich sind – auch in den Wissenschaften; aber damals war ich von der Praxis, von der Theorie, von meinem Lebensgefühl her sehr auf mich gestellt. Das hat sich erst langsam verändert. Bei Gilde-Mitgliederversammlungen lernte ich neue Leute kennen, und schließlich ergab sich über das ‚Berufsbild’ die Zusammenarbeit mit Sylvia Weise.

Dann hast du das ‚Berufsbild’ mitgeschrieben. Wie kam es dazu?

Auf der Mitgliederversammlung der Gilde 1995 in Berlin sprach mich Christoph Goertz an. Der Vorstand hatte damals unter Federführung von Karin Engels-Maurer eine Arbeitsgruppe eingerichtet. Deren Entwurf war als noch nicht ausgereift befunden worden. Ich wollte einen neuen Anlauf nur im Team machen und ohnehin nur, weil ich sowieso schon an einem Vortrag für meine früheren Kollegen saß, die wissen wollten, was Feldenkrais ist. Sylvia meldete sich, und so wurden wir mit dem neuen Entwurf beauftragt. Zuerst war auch noch Michael Schründer mit dabei, der dann aber aus persönlichen Gründen ausstieg. Und wir konnten auch einige Unterlagen der Arbeitsgruppe nutzen, z.B. Berufsbilder angrenzender Felder. Wir haben also nicht bei Null angefangen.

Wie lange habt ihr daran gesessen?

1996 von Februar bis Mitte August haben wir eigentlich permanent daran gearbeitet, über Monate darum gerungen, das praktische Erleben und die Worte zusammenzubringen. Unser Entwurf wurde dann in der Mitgliederversammlung im Oktober 1996 diskutiert, Veränderungen eingebaut und schließlich akzeptiert. Wir wollten den Berufsbegriff nicht verwenden. Darum heißt der Text ja auch: ‚Feldenkrais – ein neues Arbeitsfeld’, was besagt, dass Feldenkrais als Praxis weiter gesteckt ist und mehr umfasst als den herkömmlichen Berufsbegriff und quer zu den herkömmlichen Berufen liegt. Ironischerweise wird der Text trotzdem überall ‚Berufsbild’ genannt, auch in den anderen Sprachen, in die er übersetzt worden ist. Aber es ist eben genau kein herkömmlicher Beruf, sondern eine neue Art professioneller Tätigkeit.

Noch einmal zurück zum Beginn der Praxis-Arbeit. Wie ist das weitergegangen, auch dieser Übergang von einer Angestelltentätigkeit in eine selbstorganisierte...

Außer der ATM-Klasse in der VHS habe ich hier im Wohnzimmer Privatklassen gemacht, mit den Nachbarn, Freunden, bisherigen KollegInnen. Michael, mein Mann, hat Möbel zur Seite geschoben und die Kinder mussten ihre Sachen wegräumen. Dann war hier also Feldenkrais. Mit den Einzelstunden habe ich mich anfangs schwer getan, weil ich dachte, dass ich das nicht so gut kann wie Gruppen zu unterrichten. Deshalb habe ich anfangs kein Geld verlangt... – Ich wundere mich im Nachhinein noch über mich, denn ich hatte ja vor, das professionell anzulegen, und war da im Grunde ganz unprofessionell. Für meinen Antrag zur Anerkennung als Assistenztrainerin habe ich später einmal zusammengestellt, wie viel Arbeit das wirklich ist, diese Feldenkrais-Tätigkeit als selbstständige Praxis aufzubauen bzw. zu führen. Ich bin darauf gekommen, dass pro Unterrichtsstunde eine Zeitstunde hinzukommt, um alles zu organisieren, bis hin zum Putzen der Räume, zu den Telefongesprächen, der Steuererklärung, Fortbildungen usw. Diese unsichtbare, aber nötige Zusatzarbeit wird meistens ebenso unterschätzt wie die Hausarbeit.

Wie hat es dann mit deiner Arbeit in den Trainings anfangen?

Das hat sich ergeben. Etwa 1997 hat mich Ned Dwelle gefragt, ob ich nicht als experienced practitioner ins Training Kössen I kommen wollte. Ich hatte das gar nicht vor, aber machte es dann doch, aus Neugierde... Ein Jahr später verabschiedete mich Myriam Pfeffer in ihrem Training in Paris mit den Worten: „Ja, die Barbara wird jetzt dann Assistentin". Ich saß im Flugzeug und dachte: Warum sagt sie das so? Sie hat mir im Grunde gezeigt, jetzt ist eine Entscheidung fällig.

Wie siehst du deinen eigenen Entwicklungsprozess heute?

Zunächst scheint alles mehr zufällig, man wird hier gefragt und da gefragt, der eine kennt einen und braucht jemanden im Training... Aber im Nachhinein hatte das eine erstaunliche Abfolgedynamik: Zuerst im kleinen Rahmen Teamarbeit vor Ort, dann die Zusammenarbeit für das Berufsbild; dann ging ich in die Trainings rein, dann kam 1999 die Gründung der feldenkrais zeit, und die Redaktionsarbeit mit Werner Kraus, Sylvia Weise und Konrad Wiesendanger, und schließlich 2000 die Arbeit in der International Feldenkrais Federation (IFF).

Jetzt sag ich mal für die Leser: Barbara malt, während sie das sagt, Spiralen auf den Tisch und in die Luft.

Diese Bewegung ist es gewesen, die mich immer wieder hineinholt in den Versuch, die Dinge zusammenzubringen, um mit ihnen leben zu können, Spannung konstruktiv zu machen. Am Anfang stehen erst einmal immer die Neugierde und der Wunsch, mit anderen zusammen zu sein und zu arbeiten.

War das auch der Beginn oder das Motiv deines Engagements in der IFF?

Ja. Die IFF hat vor Jahren angefangen, sich mit der Frage zu beschäftigen, wie es eigentlich weitergehen kann mit dieser Methode. Sie haben Studien gemacht über die Frage ‚Was ist ein erfolgreicher Practitioner?’ und sie haben dann 1999 eine Arbeitsgruppe gebildet, die sich mit Qualität und Kompetenz (Q&C) in der Ausübung der Feldenkrais-Methode beschäftigt. Sylvia, damals im Gilde-Vorstand und IFF Delegierte, arbeitete da mit, wollte Aufgaben abgeben und fragte mich, ob ich vielleicht irgendwen wüsste... Da habe ich gemerkt, ich möchte das selber. Die Arbeitsgruppe bestand damals aus Francesca White (AUS), Rob Black (CAN), Markus Riesen und Daniel Clénin (CH) und Cliff Smyth (AUS/USA). Die habe ich dann 2000 in Neuburg bei der IFF-Jahresversammlung kennen gelernt. Sie arbeiten heute alle in der IFF Akademie mit.

Lag dahinter eine Besorgnis über die Qualität der Arbeit der Practitioner?

Nein, diese Besorgnis war überhaupt nicht im Vordergrund. Ich sah hier Möglichkeiten, das, was ich an Erfahrungen in der Feldenkrais-Arbeit inzwischen hatte und aus der Berufs-und Arbeitskräfteforschung mitbrachte, einzubringen und umzusetzen in einen feldenkrais-spezifischen Zugang zur Qualitätsentwicklung. Das hat für mich einen großen Drive, zusammenzubringen, was sonst nebeneinander stünde. Mich interessiert die Frage, wie wir als Feldenkrais-LehrerInnen an der Qualität unserer Praxis arbeiten können. Ich sehe hierhin einen Weg, wie diese Methode weiter bestehen kann und vor allem, dass sie lebendig bleibt.

Lass uns noch einmal zurückgehen zu Deiner Praxis. Wie kamst Du zu den Studygroups für Practitioner?

Die Arbeit in den Trainings hat meine Praxis sehr bereichert. Ich habe dadurch sehr viel mehr verstanden, was ich da mache. Weil die Absolventen immer Leute suchen, mit denen sie weiterarbeiten können, mache ich seit 1998 kleine Studygroups für Practitioner, so wie ich selbst in Studygroups gewesen bin. Diese Arbeit habe ich wirklich sehr, sehr gerne. In vielen Feldenkrais-Fortbildungen ist ein bestimmter Ablauf zur Gewohnheit geworden: erst wird ATM gemacht, dann wird das übertragen in FI, zunächst als FI-Demonstration und dann ausprobiert zu zweit oder dritt. Ich versuche in den Studygroups, den FI-Unterricht ähnlich wie eine ATM zu gestalten, möglichst nichts vorzumachen, sondern die Abfolge so anzulegen, dass die KollegInnen aus kürzeren, sehr verschiedenen Perspektiven heraus miteinander die passende FI-Intervention selber finden. Mit diesen Vorgehensweisen experimentieren Daniel Clénin und ich auch in der IFF. Hier verschränken sich meine Arbeitsbereiche.


IFF Assembly 2004 Soesterberg / NL -Barbara
 Photo Deborah Bowes © IFF Assembly 2004 Soesterberg / NL

IFF Assembly 2004 Soesterberg / NL -Barbara
 Photo Deborah Bowes © IFF Assembly 2004 Soesterberg / NL


 

From the left: Rob Black (CND), Lester Loops (USA), Dr. Barbara Pieper (D), Daniel Clénin (CH), Cliff Smyth (AUS-USA), Janie Randerson (NZ), Markus Riesen (CH), Rineke Brinkhof (NL), Lynette Reid (CND)

Die IFF ist die „Dach-Organisation" der nationalen Feldenkrais-Verbände, der TABs und der Feldenkrais-Erben. Bleibt denn da Zeit für so inhaltliches Arbeiten?

Eigentlich nicht, aber wir nehmen sie uns; denn nur wenn ich auch inhaltlich engagiert bin, macht mir die Vorstandsarbeit Spaß. Die IFF will mit ihrem Konzept ‚Qualität und Kompetenz’ ja gerade nicht für andere über deren Köpfe hinweg deren Qualifizierung betreiben. Deshalb hat sie 2001 die IFF Akademie gegründet. Es handelt sich hier um ein Beteiligungsmodell für Feldenkrais Professionals. Practitioner können hier an ganz konkreten Projekten vor Ort miteinander selber an ihrer Professionalität arbeiten. Das Motiv ist, sich nicht zu entfernen von der eigenen Praxis, und auch in der IFF-Akademie eben gerade nicht ein ‚Wissen’ oder einen Informationsvorsprung von oben nach unten zu vermitteln. Sondern es geht darum, Prozesse zu gestalten mit Kollegen, für Kollegen – zum Beispiel im Rahmen der IFF Akademie Tage. Der nächste findet ja in Berlin beim Europäischen Feldenkrais Kongress 2005 statt. Wir arbeiten hierbei immer auch gleichzeitig an unserer eigenen Qualifizierung.

Ich möchte ein weiteres Beispiel erzählen: Aus dem Training Heidelberg IV hat sich eine Gruppe von Practitionern zusammen getan. Sie nennen sich „moving bones". In ihrem Projekt geleiten sie Klienten entlang von ATM und FI durch einen Prozess, an dessen Ende jeder nicht nur seine Knochen besser spürt und kennt, sondern auch noch in einer Tanzperformance auftritt. Ihr Konzept wertet die Gruppe laufend aus, schreibt es um und ist auch bereit, es Kollegen zur Verfügung zu stellen, damit diese dann ihrerseits ihre Erfahrungen einbringen und auswerten. So entsteht ein Reichtum, von dem alle Beteiligten profitieren. Wir nennen das „offene Quellen". Der Workshop PRISMA blau, den Daniel Clénin und ich entwickelt haben, ist seit 2001 bereits in sieben Ländern veranstaltet worden. So entstehen immer neue Versionen. Daniel und ich schreiben den Workshop-Ablauf – eine Art von Regiebuch – immer wieder um.

Und was habt ihr davon, dass ihr eure Ideen anderen zur Verfügung stellt und euch die Mühe macht, aufzuschreiben, auszuwerten usw.?

Das werden wir immer wieder gefragt. Aber wo wären wir heute, wenn Moshé Feldenkrais seine Ideen, z.B. die Alexander-Yanai-Lektionen, nicht immer wieder ausgewertet, verändert und aufgezeichnet hätte? In der Akademie lernen und profitieren wir miteinander und voneinander. Die Arbeit zur Sprache zu bringen, bedeutet, sich mit dem eigenen Können zu befassen. Und das bringt für alle Beteiligten einen regelrechten Qualitätssprung mit sich. Diese Art zu lernen ist für mich Feldenkrais. Sonst wäre ich nicht, wo ich jetzt bin, wenn nicht gleichzeitig alles verbunden wäre mit einem praktischen Tun. Das ist das Beglückende daran.

Du hast vorhin erwähnt, dass auch die IFF in ihrem eigenen Funktionieren nach feldenkrais-spezifischen Vorgehensweisen sucht. Ich könnte mir vorstellen, dass es nicht immer so einfach ist, das an die Mitglieder oder Delegierten zu vermitteln.

Natürlich nicht. Es geht auf der internationalen Ebene auch um Integrationsprozesse, z.B. zwischen kleinen und großen Gilden. Das gelingt mal besser und mal schlechter. Wir haben für die letzte Jahresversammlung in Holland ein bestimmtes Design entworfen (siehe S. 27/28 ‚Modi der Aufmerksamkeit’ im Feldenkraisforum, Ausgabe 49, 2005). Es ist ein weiterer Versuch, die Feldenkrais-Philosophie ernst zu nehmen und anzuwenden auf das, was man gerade macht.

WIE schwierig es ist, Verhalten zu verändern, wissen wir alle aus unseren Kursen. Und WIE schwierig es ist, auch unter Feldenkrais-Lehrern, wirklich etwas Neues zu machen, das erstaunt mich manchmal sehr. Weil wir ja alle sagen, wir sind so flexibel... Für mich stellt sich hier auch die Frage nach der Kultur, die wir in der Feldenkrais-Welt haben. Mit ihrer Akademie will die IFF eine Kultur fördern, in der die Practitioner, die sich beteiligen, Verantwortung übernehmen, und sie tun es auch schon. Ich bin ganz optimistisch, dass eine Kultur des Mitteilens, Teilens und kreativen Förderns von unten hoch wachsen wird.

Wie in dem Bild von der Tropfsteinhöhle, die von unten...

... ja, der Tropfen fällt von oben, während die Gebilde von oben und von unten aufeinander zu wachsen: ‚Top-down’ und ‚bottom-up’ in einem Prozess.

Ich wollte zum Schluss zurückkommen zur Ästhetik. Welche Kunst ist dir selbst am nächsten, oder anders gefragt: was ist deine Kunst?

Die Kunst, glaube ich, die mir am allernächsten liegt, beginnt bei meinen Händen. Meine Hände und meine Augen..., aber zu aller erst die Hände. Und mit den Händen war ich immer beschäftigt..., ob mit den Kindern oder beim Nähen oder beim Bäume klettern, dieses Anfassen der Bäume und sich hoch hangeln, oben im Wind schaukeln, die Bewegung der Hand beim Schreiben, das Kinästhetische... Das wäre das Eine. Und die Augen. Ich meine damit nicht eine besondere Sehschärfe, gerade nicht; sondern es ist eher ein ‚von Innen nach Außen schauen’ und wieder zurück, ein Mitteilen des Erlebten – Erkenntnis im umfassenden Sinn, eben durch Hände und Augen... Und das dritte ist die Musik, meine Eltern haben sehr viel und auch sehr schön musiziert...

... auch so eine Art Raumkunst, das Öffnen des Raumes durch den Klang.

Ja, mein Hören ist allerdings im Vergleich zu den Händen und den Augen fast unterentwickelt, was die Differenziertheit der Wahrnehmung angeht... Ich spiele Saxophon, weil es mich lockt, den Hörsinn zu entwickeln. Ich gehe gern im Watt spazieren und lausche, was da für Geräusche sind.... Kinästhetik und Klang, Gestalten und Erkennen, das ist eigentlich meine Kunst. Allerdings verbinde ich das mit Beziehung. Wenn Beziehung nicht dabei ist, dann bin ich nicht interessiert. Es geht mir um Beziehung – zwischen den verschiedenen Bereichen in mir selber, und Beziehung zu anderen Menschen, die Beziehung zwischen Innen und Außen... Das vermisse ich in der Feldenkrais Welt, dass vieles Innen bleibt und die Beziehung zwischen Innen und Außen wenig thematisiert wird. Wir sprechen von dem Selbstbild, also dass wir handeln nach dem Bilde, was wir uns von uns machen. Das stimmt schon, aber wir handeln auch nach dem Bilde, was wir uns von den anderen machen. Wenn da keine Beziehung ist, dann suche ich sie, bis ich sie finde.

 

Copyright Barbara Pieper und Uta Ruge

Zuerst erschienen in Feldenkraisforum, Ausgabe 49, 2005